"Deutschland muss sich entscheiden, ob es seine Interessen in Lateinamerika wahrnimmt"

Argentiniens Außenminister

"Deutschland muss sich entscheiden, ob es seine Interessen in Lateinamerika wahrnimmt"

Die EU dreht sich um sich selbst und lässt die Beziehungen zu Lateinamerika schleifen - das ärgert Argentiniens Außenminister Faurie. Dem Brexit kann er hingegen durchaus Positives abgewinnen.

Bundesaußenminister Heiko Maas will die deutschen Beziehungen zu Lateinamerika und der Karibik wieder intensivieren. Deshalb hatte er in dieser Woche rund 20 Außenminister der Region zu einer Konferenz nach Berlin eingeladen. "Wir sind nichts anderes als natürliche Verbündete", so der SPD-Politiker.

Der argentinische Außenminister Jorge Faurie ermuntert Deutschland im SPIEGEL-ONLINE-Interview zu mehr Engagement in Südamerika. China habe das Zögern der Europäer lange ausgenutzt. Außerdem erklärt der 67-Jährige, warum der Brexit den Argentiniern im Konflikt mit Großbritannien um die Falklandinseln nutzen könnte.

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

SPIEGEL ONLINE: Herr Faurie, die deutsche Außenpolitik dreht sich sehr stark um den Nahen Osten, um China, um Afrika. Haben Sie manchmal den Eindruck, dass Deutschland die Beziehungen zu Lateinamerika und Argentinien vernachlässigt?

Jorge Faurie: Ich ermutige Deutschland und die Europäische Union immer wieder, sich viel stärker in Lateinamerika zu engagieren. Die EU war lange zu sehr mit der europäischen Integration und der EU-Erweiterung beschäftigt. Deshalb haben die Europäer viele günstige Gelegenheiten verpasst. Und andere wichtige Akteure haben diese Lücke genutzt.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen China?

Faurie: Ich denke nicht, dass sich Chinas Handeln gegen Deutschland oder ein anderes Land richtet. Sie haben einfach die Gelegenheit genutzt. Wenn man passiv ist und nicht darauf achtet, was in Lateinamerika oder Argentinien passiert, kommen andere Akteure ins Spiel. Und einer von ihnen ist China. Deutschland muss sich also entscheiden, ob es seine Interessen in Lateinamerika wahrnimmt oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sehen wir in Venezuela eine erste Folge des wachsenden chinesischen Einflusses in Südamerika? Peking hält weiterhin zu Machthaber Nicolas Maduro.

Faurie: China hat sich mit Hilfe Maduros Zugang zu Rohstoffen verschafft, die für Chinas Wirtschaft wichtig sind. Die Führung in Peking achtet aber sehr genau darauf, dass sie trotz ihrer Investitionen in Venezuela nicht auf der falschen Seite der Geschichte steht. Und wer an der Seite von Maduro steht, befindet sich auf der falschen Seite der Geschichte. China weiß das genau.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland wird gerade heftig über den wachsenden Antisemitismus debattiert. Argentinien hat die sechstgrößte jüdische Gemeinde der Welt. Wie sieht die Situation in Ihrem Land aus?

Faurie: Argentinien hat viel unternommen, um unsere Bürger Toleranz und Respekt vor Andersgläubigen zu lehren. Jetzt im Ramadan zum Beispiel gibt es viele gemeinsame Veranstaltungen von Katholiken, Juden und Muslimen. Die Diskriminierung von Juden hat in der Geschichte immer in einer Katastrophe geendet. Und diese Fehler dürfen wir auf keinen Fall wiederholen.

SPIEGEL ONLINE: In den Neunzigerjahren, 1992 und 1994, gab es in Buenos Aires aber zwei verheerende Bombenanschläge auf die israelische Botschaft und das jüdische Gemeindezentrum.

Faurie: Es gibt Spuren, die auf eine Verwicklung Irans und der libanesischen Terrorgruppe Hisbollah in diese Attentate hindeuten. Die argentinische Justiz fahndet nach mehreren ranghohen iranischem Funktionären. Leider entziehen sie sich bislang der Justiz. Deshalb sind unsere Beziehungen mit Teheran sehr schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund das Atomabkommen mit Iran?

Faurie: Die USA sind zu dem Schluss gekommen, dass sich der Deal aus ihrer Sicht nicht mehr lohnt. Und ohne die USA funktioniert das Abkommen offensichtlich nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Die EU und Großbritannien ringen noch immer um den Brexit. Glauben Sie, dass ein geschwächtes Großbritannien die argentinische Position im Streit um die Falkland-Inseln stärkt?

Faurie: Wir haben zunächst einmal sehr genau die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs zu den Chagos-Inseln registriert. Die Richter haben die britische Herrschaft über das Archipel im Indischen Ozean für illegal erklärt und London aufgefordert, die Inseln an Mauritius zurückzugeben. In der vergangenen Woche hat die Uno-Generalversammlung diese Entscheidung mit 116 zu 6 Stimmen unterstützt. Das ist für Argentinien eine wichtige Entwicklung, denn aus unserer Sicht wurde damit ein Präzedenzfall geschaffen. Und ich denke, dass Großbritannien genau registriert hat, dass Ungarn das einzige EU-Land war, das in der Generalversammlung mit London gestimmt hat.

 

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